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Rede Fürst Schwarzenberg

Festrede Karl Fürst von Schwarzenberg, Völkerschlacht bei Leipzig

Festrede Karel Schwarzenberg ehem. Außenminister der Tschechischen Republik: Festakt 200. Jahrestag der Völkerschlacht, Stadt Leipzig - Freistaates Sachsen


FESTREDE

Seine Exzellenz Karel Schwarzenberg,
ehemaliger Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Tschechischen Republik,
beim gemeinsamen Festakt der Stadt Leipzig und des Freistaates Sachsen zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht

am 18. Oktober 2013 im Völkerschlachtdenkmal Leipzig

Herr Präsident des Europäischen Parlamentes, Herr Ministerpräsident, Herr Oberbürgermeister, Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Wir sind hier versammelt, um der großen Schlacht vor 200 Jahren zu gedenken. Es wurde hier schon viel gesprochen, welch unendliches Leid diese Schlacht gebracht hat. Es ist - tatsächlich erfasst - jeder vierte Mann, der an dieser Schlacht teilgenommen hat, gefallen. Und es war natürlich eine Schlacht, wie wir sie uns heute nicht vorstellen können. Denn es war zum großen Teil nicht wie heute, wo wir auf 1000 Kilometer Entfernung mit Raketen umbringen, sondern da focht man richtig mit Bajonett und Säbel gegeneinander. Es war eine wirkliche Schlacht im alten Sinne. Und dennoch, wie richtig bemerkt wurde, fing irgendwie eine neue Zeit an. Sie hat die Elemente der alten Zeit: Die Monarchen sind noch alle am Schlachtfeld, sowohl Napoleon selber, der sein Heer persönlich anführt, wie die drei führenden Monarchen, die Kaiser von Österreich, von Russland und der König von Preußen, und auch der Kronprinz von Schweden. Sie alle sind am Schlachtfeld anwesend und in einer gewissen Entfernung kann man in die Schlacht dann eingreifen.

Ich habe mich immer geärgert, wenn in manchen Historiografien, die in den letzten Jahren erschienen sind, Napoleon den Diktatoren des 20.Jahrhunderts gleichgestellt wurde. Er war es nicht. Er war tatsächlich ein Genie. Er war, wie Hegel schrieb, der „Weltgeist zu Pferde“. Und er verwandelte tatsächlich nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa. Er war nicht nur ein großer militärischer Führer, er hinterließ ein großes Gesetzeswerk, den Code Napoleon, der manchen deutschen Ländern für Jahrzehnte diente. Die er auch aufbaute. Man würde heut sagen: die Infrastruktur. In Frankreich, aber auch in Ländern, die er kurzfristig unterworfen hat: Die Straßen, die Brücken bis im fernen Dalmatien hielten für Jahrzehnte. Er war ein Faszinosum seiner Zeit. Er war der letzte Mensch, der eigentlich einen eigenen Stil geprägt hat. Das alles in einer relativ sehr kurzen Zeit. Wenn wir die Zeit zwischen dem ersten Konsulat und Waterloo sehen, sind es fast 20 Jahre - und da wurde die Welt verändert.

Das alles müssen wir wissen, um zu verstehen, warum dieses Ringen so entsetzlich war: Hier fochten tatsächlich noch Prinzipien gegeneinander. Napoleon war einerseits die Verkörperung der Revolution, der Veränderung Europas. Und umgekehrt: Er war es, der die Revolution, die in Anarchie auszuarten drohte, zähmte und Frankreich wieder eingliederte in das europäische System. Allerdings verändert. Er wollte Europa vereinigen, und ja: unter seiner Herrschaft. Er war der erste, wo es sogar einige Zeit wahrscheinlich schien, dass es ihm tatsächlich gelingen würde, dass er Kontinentaleuropa vereinigt.

Und wir sollten nicht vergessen, dass seine Herrschaft auch sehr viel Fortschritt brachte in manchen Ländern, die ja noch teilweise tief im 18. oder in früheren Jahrhunderten in ihren Lebensformen, in ihren Regierungsformen verfangen waren. Das alles sollten wir sehen. Es gab ja auch in Deutschland viele, die auf die Napoleonische Herrschaft später eigentlich ganz günstig zurückblickten als auf eine Herrschaft, die eine neue Gesetzgebung brachte, die sie von mittelalterlichen Regierungsformen befreite und tatsächlich in manchen Dingen die erste Moderne brachte.

Umgekehrt, sicher, war er auch - heute sagen wir „Diktator“ - ein „Tyrann“. So wurde er auch von seinen Zeitgenossen bezeichnet. Er steht bis heute einzigartig in der Weltgeschichte da. Und Frankreich war nach Napoleon wahrlich ein anderes Land, als es vorher war. Auch Europa. Niemand veränderte Europa so wie er in dieser kurzen Zeit. Die Monarchen bemerkten das erst später. „Als alle alle riefen, kam endlich auch der König“, hieß es damals in Berlin. Und nicht anders war es in anderen deutschen Städten. Etwas Neues machte sich wirklich bemerkbar – der Wille des Volkes machte die Monarchen zu Gegnern Napoleons bei der Schlacht von Leipzig.

Die Allianz gegen Napoleon zustande bringen, das war sozusagen die große Frage dieser Zeit. Weil: Manche sahen ja ihre Interessen noch durchaus gemischt: dass ihnen auch ein französisches Regime in Manchem entsprechen würde. Manche haben sich ganz entgegengestellt. Die Meinungen waren nicht eindeutig. Und wer will schon in eine große Auseinandersetzung gehen. Die Kunst war deshalb, diese Allianz zu schmieden. Nun war der Feldmarschall Schwarzenberg zunächst einmal österreichischer kaiserlicher Offizier und Diplomat und das prädestinierte ihn eigentlich für die große Aufgabe. Österreich war - wie andere Königreiche und Fürstentümer - zunächst einmal gezwungen, ein Hilfscorps für Napoleon zu stellen. Im Herbst 1812 ist der Feldmarschall Schwarzenberg, der ein loyaler Mann war, zu Napoleon gekommen und warnte ihn und sagte, er kenne Russland, er wisse, was der russische Winter sei und er empfehle ihm, dass die Franzosen so schnell wie möglich Winterquartiere einnehmen - und dann im Frühjahr werde man weitersehen. Napoleon glaubte aber an seine Stärke und seine Feldherrenkunst und wollte Moskau erobern. Das ist ihm, im Unterschied zu anderen später, gelungen. Allein: Moskau wurde von Rostoptschin angezündet und es erfolgte der schauerliche Rückzug der Großen Armee. Wie schrieb der große russische Dichter Lermontov: „Sag Onkel, es war doch nicht umsonst, dass das verbrannte Moskau von den Franzosen übergeben wurde.“ Es war nicht umsonst. Moskau war verbrannt, aber Napoleon hatte kein Winterquartier und es blieb nichts anderes als der Rückzug. Und es folgte Beresina.

Napoleon, der auch die Niederlagen ziemlich hart nahm, traf den Feldmarschall nur noch einmal in Warschau, drehte sich um, blickte ihn an und sagte nur: „Sie haben Recht gehabt.“ Dieses „Recht gehabt“ kostete aber unzählige Leben. Der Feldmarschall, da er Botschafter in Paris war, wusste, dass Napoleon ein Genie war, wusste, dass Napoleon wahrlich der überlegene Feldherr gegenüber ihm war und er zwar ein guter und erfahrener Militär war, aber bei weitem nicht die Fähigkeiten seines großen Gegners habe. Er schrieb deswegen ein paar Tage vor der Schlacht an seine geliebte Frau: „Ich habe alle meine Vorbereitungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen, habe Napoleon allein als eine Armee von 10000 Mann in meine Berechnungen eingesetzt.“ Er wusste, dass der andere das Genie ist. Er nicht. Und er suchte sich auch einen Generalstabschef aus, von dem er wusste, dass er tatsächlich das militärische Können beherrschte. Das war der spätere Feldmarschall Radetzky, der noch 40 Jahre später ein erfolgreicher Feldherr war. Und dieser entwarf die Pläne.

Schwarzenberg selber hatte außer der Aufgabe des Feldherrn eine viel unangenehmere Aufgabe: die Alliierten beieinander zu halten und zu einer sinnvollen Aufgabe zu bringen. Denn man darf nicht vergessen: Auch Monarchen sind Menschen, auch Feldherren sind Menschen - und auf einem so großen Feldzug spielt die persönliche Eitelkeit eine ungeheure Rolle. Wie diese bunte Gesellschaft verschiedener Monarchen und verschiedener Generäle, oberster Befehlshaber, ihre jeweiligen Armeen und so weiter zu einer Kooperation bringen und zwingen? - Das war das diplomatische Kunststück, das Schwarzenberg zu vollbringen hatte, in Manchem nicht unähnlich zu der Aufgabe Eisenhowers im 2. Weltkrieg. Und wie er selber sagte: Kein Gegner war ihm so gefährlich und so mühsam wie die verbündeten Monarchen, mit denen er Tag zu Tag zu tun gehabt hat und die glaubten, sie müssten eigentlich den Feldzugplan bestimmen. Und er wusste aber, welche Nöte die Soldaten hatten, weil nach den 20 Jahren ununterbrochener Kriege deren Ausrüstung wirklich miserabel war. Er schreibt am Ende des Jahres: „Alle fordern mich auf, ich soll doch noch vor Neujahr in Frankreich einmarschieren. Aber wie soll ich einmarschieren, wenn meine Soldaten keine Schuhe haben.“ Um das ging es auch damals.

Vielleicht war es eben diese Bescheidenheit, die es ihm ermöglichte, den Sieg zu erringen. Und vielleicht ist das auch eine Lehre für uns alle: Dass auch ein Genie, auch einer, der alle Menschen seiner Zeit überragt hat, besiegbar ist, wenn auf der andern Seite jemand seine Grenzen kennt, seiner Aufgabe gewiss ist und mit diesem Glauben in den Kampf geht. Das war die Situation vor der Schlacht von Leipzig.

Nachher: Napoleon wurde besiegt. Er hat noch die Bayern geschlagen bei Hanau, die versuchten, ihm den Rückzug abzuschneiden. Und er blieb das Genie. Alle militärischen Fachleute sind sich einig, dass die Campagne de France, der Rückzug Napoleons bis Paris, eine der glänzendsten militärischen Leistungen der Militärgeschichte ist. Da hat er wahrlich noch Bewundernswertes gezeigt. Nachher wurde, wie gesagt, eine Friedensordnung geschaffen beim Wiener Kongress. Und die Monarchen fanden tatsächlich - nach Hin und Her, vielen Verzögerungen und Eigeninteressen - eine gemeinsame Lösung.

Aber vielleicht, wenn wir an die Völkerschlacht denken als eine Schlacht gegen die Franzosen, so sollten wir nicht vergessen, dass die Verhandlungssprache, die Sprache, die allen damals gemeinsam war, den Monarchen und Staatsmännern, die alle miteinander gesprochen haben, gerade das Französische war. Das war die einzige Sprache, in der der Zar von Russland, der Kaiser von Österreich, der Kronprinz von Schweden, der übrigens selber ein Franzose war, miteinander verhandeln und Reden konnten. Alle Feldherren, alle Diplomaten, alle Monarchen hat damals die französische Kultur verbunden und die französische Sprache. Dies war eine selbstverständliche Voraussetzung, etwas, das wir uns in diesem Ausmaße nicht vorstellen können: Wie bestimmend die französische Kultur war. Und tatsächlich, auch da ist ein Buch mit der Schlacht vor Leipzig geschlossen worden: In der Zeit versuchen manche sozusagen, sich von dieser Dominanz der französischen Kultur zu befreien. Auch sein Gegner, der Feldherr Schwarzenberg, interessanter Weise, schreibt noch lange Jahrzehnte seiner Frau die Briefe selbstverständlich französisch. Weil: das war die Sprache der kultivierten Gesellschaft und so redete und schrieb man einander. Und erst unter dem Eindruck der Befreiungskriege plötzlich schreiben sie dann auch mal auf Deutsch einander.

Auch das muss man sehen, welch großer Bruch war und wie dominant Frankreich damals für Europa war. Vieles, auch Positives ist von dieser Zeit geblieben. Und manchmal erlaube ich mir die ketzerische Frage: Wie hätte sich Europa entwickelt, wenn Napoleon gewonnen hätte? Wenn der Code Napoleon und dies alles in ganz Europa bereits Anfang des 19.Jahrhunderts eingeführt worden wäre? Wenn das Strafgesetzbuch modernisiert worden wäre nach französischem Muster? Manchmal sollten wir daran glauben, dass beide Parteien damals ihr Raison d‘être hatten und durchaus Argumente für die Zukunft vorzubringen wussten. Auch Johann Wolfgang von Goethe war bekanntlich fasziniert von Napoleon. Man kann nicht sagen, dass er damals geradezu zum Widerstand gegen Napoleon gehetzt hat.

Die Geschichte war immer anders, als wir Enkel uns das denken. Auch das sollten wir in Erinnerung bringen - bei aller Bewunderung vor den ungeheuren Opfern, die damals auf beiden Seiten gebracht wurden, und für die Feststellung, dass tatsächlich das erste Mal die europäischen Monarchen und Völker sich im Kampf um die Freiheit vereint haben. Da sollten wir auch hier versuchen, objektiv zu sein, und auch die andere Seite versuchen zu respektieren, so wie wir heute auch versuchen müssen, in Europa die andere Seite zu verstehen. Es ist nicht immer ganz leicht und wenn wir es heute als unvorstellbar sehen, dass wir einen Krieg hätten unter europäischen Völkern. Ich hoffe, dieser Zustand dauert an. Aber sind wir dessen so sicher, dass es nicht nach ein paar Generationen wieder ganz anders sein wird? Wenn im Jahre 1900 jemand gesagt hätte: „Es wird Krieg sein“. Ja, man hat angenommen, irgendwann wird ein europäischer Krieg sein. Aber niemand ahnte, dass die ganze europäische Welt zusammenbrechen würde. Ich kann mich erinnern, ich war in den 60er, 70er Jahren sehr oft in Jugoslawien, wo die Leute aus allen Religionen und den jugoslawischen Nationen friedlich beieinander gelebt haben. Niemand ahnte, dass 20 Jahre später ein allgemeines Schlachten „Jeder gegen Jeden“ stattfinden würde. Sind wir so sicher, dass wir davor gefeit sind? Ich glaube, für unsere Generation: sicher. Für drei Generationen nach dem 2. Weltkrieg sind wir wahrscheinlich immun. Aber wie der Präsident bereits bemerkt hat: Es sind die andern Geister auch noch lebend und sie sind eigentlich wieder mehr erstarkt. Und wer schließt aus, dass wir nicht wieder fähig sein werden, einem allgemeinen menschlichen Instinkt folgend uns mit Freude unter irgendeinem Vorwand umzubringen. Diesen Vorwand zu finden, war die Menschheit immer noch fähig.

Auch das sollten wir, insbesondere als Politiker, stets im Gedächtnis behalten. Es war nie der letzte Krieg, es wird nie der ewige Frieden sein. Wir können nur versuchen, Tag für Tag, Jahr für Jahr versuchen, diese Gefahr einzudämmen und unsere eigenen Instinkte zu bekämpfen. Denn gestehen wir es uns zu: Wenn ich das 20. Jahrhundert betrachte, mit Ausnahme der Isländer, die weit abgelegen waren, gibt es keine europäische Nation, die nicht ihre Verbrechen im 20. Jahrhundert begangen hat. An ihren Nachbarn, an ihren Minderheiten, an wer immer gerade greifbar war. Sind wir überzeugt, dass wir und unsere Kinder so viel besser sind als unsere Großväter, Urgroßväter? Ich bin es nicht. Es kann immer wieder passieren, dass wir damit anfangen.

Danke vielmals für die Aufmerksamkeit.


Aufzeichnung: pms Professional Media Service GmbH & Co. KG
Koordination und Sicherung der Rede: www.Fürstenhäuser-Kulturträger.eu
Transkription: Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land der Sparkasse Leipzig

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Im Rahmen des Gedenkens an die Völkerschlacht von Leipzig vor 200 Jahren trafen sich vom 17.-19. Oktober 2013 die Nachfahren der Monarchen, die 1813 den Oberbefehl der Truppen führten. In diesem Film kommen viele zu Wort: Großfürst Georg von Rußland, ein Nachfahre Zar Alexanders I. von Rußland. Erzherzog Georg von Österreich, ein Nachfahre Kaiser Franz I. von Österreich und Prinz Heinrich von Hannover, ein Nachfahre König Georgs III. von Großbritannien. Prinz Alexander von Sachsen und Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach, als Nachfahren König Friedrich Augusts I. von Sachsen, eines Verbündeten Napoléons. Herzog Nicolaus von Leuchtenberg de Beauharnais, als Nachfahre des Vizekönigs von Italien, dem Stiefsohn Kaiser Napoléons I. von Frankreich. Auch Nachfahren der Generalität wie Fürst Blücher und Graf Bennigsen besuchten die Gedenkveranstaltung, der Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land der Sparkasse Leipzig.